Erster Kreuzzug - erster Teil - der sogenannte Volkskreuzzug
Fortsetzung - der Kreuzzug der Feudalherren HIER
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Der Aufruf und der erste Vorstoß anno 1096
Armer Adel, arme Priester, arme Leute
Prediger bezichtigten die Türken, abscheulische Gräuletaten begangen zu haben und erklärten sie zu Feinden Gottes. Im Abendland waren aber keine Muslime greifbar. Als sich die Kreuzzügler in Marsch setzten, griffen sie ersatzweise die heimischen jüdischen Gemeinden an und beraubten und ermordeten Tausende von Juden. Es waren ja, nach kirchlicher Auslegung, die Mörder von Jesus Christus. Die Miniatur zeigt den kausalen Zusammenhang: Nach der Hetze folgt das Gemetzel. Nach den Aufrufen zu Kreuzzügen kam es regelmäßig zu Pogromen in Europa.
DIE KRIEGSERKLÄRUNG

Verjagt dieses verbrecherische Volk rechtzeitig von unseren Ländern und steht den Christen bei ... Christus befiehlt es

Papst Urban II., Aufruf zur christlichen Heerfahrt gegen die Türken; nach Fulcher von Chartres. Der Chronist verfasst seinen Bericht etwa um 1100. Er schreibt so, als hätte er dem Papst zugehört und Akten zu seiner Verfügung.. Seine Version der Aufrufung zum Kreuzzug, zusammengefasst:

Clermont, Frankreich, 18.-27. November 1095. In der Hauptkirche von Clermont tagt ein Konzil, von dem noch niemand weiß, dass es berühmt wird. Unter Vorsitz von Papst Urban II. werden finanzielle und organisatorische Angelegenheiten der französischen Kirche erledigt. Dann spricht der Papst vor dreihundert Bischöfen und Äbten. Er erläutert die Beschlüsse des letzten Konzils, wettert gegen den Kaiser und den Gegenpapst, fordert die Befreiung der Kirche von aller weltlichen Gewalt und die Einhaltung des Gottesfriedens. Am Ende ruft der Papst die Anwesenden auf, einen Kriegszug zur Vertreibung der Türken aus Kleinasien zu predigen. So beschreibt der Chronist Fulcher von Chartres kurz darauf das historische Ereignis. Zehn Jahre später beginnen Chronisten wie Robert der Mönch bewegendere Darstellungen in Umlauf zu bringen. Das historische Ereignis in dieser vergrößerten Fassung:

Clermont. 27. November. Auf freiem Feld hält Papst Urban II. vor Rittern und Klerikern aus ganz Frankreich eine mit Spannung erwartete Rede. Die Menge ruft
am Ende: Deus le volt, Gott will es und der Papst bestimmt: Dies soll der Schlachtruf sein. Er wurde es. Spontan heften sich viele ein Stoffkreuz an und geloben ihre bewaffnete Pilgerschaft. Von der Rede sind mehrere stark voneinander abweichende Versionen überliefert. Robert, ein Mönch aus Reims, behauptet, dabei gewesen zu sein. Der Chronist Fulcher von Chartres lässt diese Frage offen. Er stand der Reformpolitik des Papstes sehr nah und seine Version der Papstrede ist politisch die kenntnisreichste. Der wichtigste Anlass des Aufrufs ist, laut Fulcher, die Besetzung Kleinasiens durch seldschukische Türken. Der Verlust großer Teile Kleinasiens hatte das oströmisch-byzantinische Kaiserreich schwer getroffen.

DIE BEGRÜNDUNG

Laut Fulcher schildert der Papst die türkische Landnahme so:

Sie haben die Länder der Christen mehr und mehr besetzt und diese siebenfältig besiegt, wobei viele getötet oder gefangengenommen wurden, Kirchen zerstört worden sind und das Reich Gottes verwüstet wurde. Wenn Ihr sie weiter gewähren lässt, werden sie noch viel weiter die Oberhand über die Getreuen Gottes gewinnen.

Der Robert der Mönch lässt den Papst wesentlich härter an die Sache herangehen. Der Chronist unterstellt in seiner Wiedergabe der Rede den Muslims Gräueltaten, die das Blut der Gläubigen in Wallung bringen mussten:

Sie beschneiden die Christen und das Blut der Beschneidung gießen sie auf den Altar oder in die Taufbecken. Es gefällt ihnen, andere zu töten, indem sie ihnen die Bäuche aufschneiden, ein Ende der Därme herausziehen und an einen Pfahl binden. Unter Hieben jagen sie sie um den Pfahl, bis die Eingeweide hervordringen und sie tot auf den Boden fallen... Ihr solltet von dem Umstand berührt sein, dass das Heilige Grab unseres Erlösers in der Hand eines unreinen Volkes ist, das die heiligen Stätten schamlos und gotteslästerlich mit seinem Schmutz besudelt.

Robert schreibt rund zehn Jahre nach dem Konzil. Selbst wenn er die Rede gehört hat, konnte er sie nicht mehr genau wiedergeben. Gegenwärtiger waren ihm sicher die Predigten für die Kreuzfahrt, die nach dem Konzil einsetzten. Spätere Propagandazirkulare sind in diesem Stil verfasst und lagen ihm vor.

DER LOHN IM HIMMEL ...

Ein Dekret des Konzils von Clermont verspricht himmlischen Lohn gemäß der herrschenden Bußpraxis:

Wer nur aus Frömmigkeit, und nicht zur Erlangung von Ehre oder Geld zur Befreiung der Kirche Gottes nach Jerusalem aufgebrochen ist, dem soll die Reise auf jede Buße angerechnet werden.

In den überlieferten Papstreden und der späteren Werbung für die Kreuzfahrt wird
ohne Einschränkung wesentlich mehr versprochen. Fulcher lässt den Papst sagen:

Allen jedoch, die dorthin gehen, wird die sofortige Vergebung der Sünden zuteil, wenn sie auf dem Marsch, bei der Überfahrt oder im Kampf gegen die Heiden die Fesseln des Erdenlebens ablegen.

Viele Gläubige litten unter dem Bewusstsein eines sündhaften Lebenswandels und waren von Endzeitvorstellungen beherrscht. Die Einhaltung der kanonischen Vorschriften der Kirche war im Alltag nicht eben leicht, die Vermeidung von Handlungen, die als sündhaft galten, erforderte die Willensstärke von Heiligen. Die verhängten Bußstrafen waren lästig und kostspielig. Darüber hinaus wurden die Gläubigen mit zeitlichen Sündestrafen bedroht, zu denen auch das Fegefeuer gehörte - mit Qualen, die durchaus auch körperlich vorgestellt wurden. Die Pilgerfahrt im Dienste der Kirche bedeutete nun den Erlass der Bußstrafen. Zusätzlich versprachen die Prediger die Vergebung der Sünden, also die sichere Anrechnung der Kreuzfahrt vor Gottes Gericht.

UND AUF ERDEN

In der Redeversion Roberts schildert der Papst eindringlich das Elend der Armen:

Das Land , das ihr bewohnt, vom Meer und Gebirgen eingeschlossen, ist durch eure große Zahl zu eng geworden. Es enthält keinen Überfluss an Reichtum und die Nahrung reicht kaum für ihre Erzeuger aus.

Die meisten Bauern konnten kaum vom Ertrag ihrer Arbeit leben und mußten trotzdem Abgaben leisten. Feudalkriege führten immer wieder zum Verlust der mühsam erworbenen Habe. Hungersnöte und Krankheiten waren an der Tagesordnung. Robert verspricht Abhilfe:

Macht euch auf den Weg zum Heiligen Grab, entreißt dieses Land dem frevelnden Volk, unterwerft es euch. Dieses Land ist von Gott den Söhnen Israels zum Eigentum gegeben worden, wo Milch und Honig fließen, wie die Schrift sagt. Jerusalem ist der Nabel der Welt, das Land ist fruchtbarer als andere, ein zweites Paradies der Lustbarkeiten.

Die irdischen und himmlischen Versprechungen, die einige Chronisten in ihre Version der Papstrede aufgenommen haben, lassen auf die Rhetorik der Kreuzzugspropaganda schließen. Urban II. hatte zur allgemeinen Predigt aufgerufen, sie erfolgt nun auch ohne Aufsicht der Kirche. Vor allem Wanderprediger nehmen sich der Sache an. Sie sprechen vermutlich im Stil Roberts von Gräueltaten der Türken, von der Entweihung der heiligen Stätten und den Verlockungen des Orients. Jerusalem bedeutete für die Gläubigen die Pforte zum Paradies. In den Predigten wurde es nun in greifbare Nähe gerückt und das irdische Jammertal erschien plötzlich überwindbar. Wallfahrten, besonders nach Jerusalem, waren schon vorher populär und standen im Ruf, das Sündenkonto zu entlasten. Aber nur wenige hatten sich die kostspielige Reise erlauben können. Die Teilnehmer der ersten Heerfahrten werden zunächst auch meistens PILGER, KRIEGER CHRISTI (milites Christi) oder PILGERKRIEGER CHRISTI genannt. Das Anheften des Kreuzes diente zunächst offenbar nur zur Kennzeichnung. Erst in der Praxis der bewaffneten Pilgerfahrten erhält die Kreuznahme den Charakter eines Gelübdes. Auch die Bezeichnung KREUZZUG ist eigentlich eine spätere Prägung, doch es ist nicht abwegig, sie auch für die ersten Unternehmungen zu verwenden.

DER AUFBRUCH

Zehntausende nahmen das Kreuz, vor allem in Frankreich und im Rheinland: Die Predigt hatte vor allem die Phantasie der Armen entzündet. Viele verkauften ihre geringe Habe, um die Reise nicht völlig ohne Barschaft antreten zu müssen. Die Preise für einige Güter fielen wegen des plötzlichen Überangebots dramatisch, so dass sich der Verkauf kaum noch lohnte. So kam es, dass andere einfach alles stehen und liegen ließen und sich einem Pilgerzug anschlossen. Der Chronist Wilhelm von Tyrus beschreibt die Aufbruchsstimmung:

Da trennte sich der Mann vom Weib und das Weib vom Mann, der Vater vom Sohn und der Sohn vom Vater, da war kein Band der Liebe, das diesen Eifer behindert hätte. Sogar Mönche kamen aus ihren Klöstern... Doch waren nicht alle durch die Liebe zu Gott zu ihrem Entschluss gekommen... viele schlossen sich an, um ihre Freunde nicht zu verlassen, oder um nicht als träge zu gelten, oder aus Leichtsinn, oder damit die Gläubiger, bei denen sie schwer verschuldet waren, das Nachsehen hätten... Verschieden waren also die Beweggründe, aber alles eilte herbei.

Auch der zeitgenössische Chronist Ekkehard von Aura glaubt nicht, dass alle Pilger durch fromme Ziele bewegt worden sind und sieht den Teufel am Werk:

Er zögerte nicht, unter die gute Saat Unkraut zu säen, falsche Propheten zu erwecken und unter die Heere des Herrn falsche Brüder und ehrlose Weiber zu mischen, unter dem Schein der Frömmigkeit.

WAS HAT DER PAPST GEWOLLT?

Papst Urban II. hat die Entwicklung zu einem Massenaufbruch wohl mit einiger Sorge beobachtet. In einem Brief an die Bürger von Bologna begrüßt er das Vorhaben, die Fahrt nach Jerusalem anzutreten, macht aber deutliche Einschränkungen:

Ihr mögt aber wissen, dass wir all denen, die sich nicht aus Habgier nach irdischem Vorteil, sondern nur für das Heil ihrer Seele und zur Befreiung der Kirche auf den Weg machen, die gesamten Bußstrafen der Sünden, über die sie aufrichtig und vollständig gebeichtet haben, erlassen... Wir räumen aber weder Klerikern noch Mönchen die Möglichkeit ein, dorthin zu gehen, ohne die Erlaubnis ihres Bischofs oder Abts. Weiterhin mögen die Bischöfe dafür sorgen, ihre Pfarrkinder nicht ohne Rat und Fürsorge ihrer Geistlichen ziehen zu lassen. Bei verheirateten jungen Männern ist dafür Sorge zu tragen, dass sie eine solche Reise nicht leichtfertig ohne die Nachsicht ihrer Ehefrauen antreten.

Gegen die populäre Ausweitung des Bußerlasses und die Zusage irdischen Zugewinns hat Urban augenscheinlich sonst nichts unternommen. Es hätte vermutlich auch nichts genützt. Die weiteren Handlungen des Papstes lassen erkennen, dass er Berufskrieger zur Kreuzfahrt bewegen wollte, die um der Sache Willen kämpfen sollten. Er legt den Aufbruch des Pilgerheeres auf August 1096 fest. Die Kreuzfahrer sollten vorher ihre Angelegenheiten regeln und Geld für die Reise besorgen. Der Bischof Adhémar von Le Puy wird zum Anführer des Kreuzheeres ernannt: Die Unternehmung sollte unter der Leitung der Kirche stehen. Papst Urban begibt sich nach dem Konzil auf eine Reise durch Frankreich, um unter anderem mit Adel und Klerus über die Vorbereitung der Kreuzfahrt zu verhandeln. Seine Kanzlei versendet einige Aufrufe an Fürsten und Städte. Die Genueser fordert er zur Entsendung einer Flotte auf. Das alles lässt darauf schließen, dass Urban II. eine gründlich vorbereitete Heerfahrt geplant hatte. Dass es anders kam, hat er wohl nicht gewollt, aber nach Fulcher mit verursacht. Der Chronist lässt Urban die Teilnehmer des Konzils auffordern, auch den Armen das Kreuz zu predigen:

Ich bitte euch demütig, nein, nicht ich, sondern Gott, dass ihr als Herolde Christi Leute jedes Standes, Reiter wie Fußsoldaten, Reiche wie Arme ständig auffordert, dieses verbrecherische Volk rechtzeitig aus unseren Ländern zu verjagen und den Christen beizustehen. Das sage ich den Anwesenden, den Abwesenden trage ich es auf, Christus aber befiehlt es.

Der Papst hatte gerufen, und es kamen andere als erwartet: Das ist die verbreitete Lesart über den Ursprung der bewaffneten Pilgerfahrt. Es gibt noch eine zweite Lesart, nach der das Fieber schon ausgebrochen war, bevor die Kirche sich
der Sache annahm.

RIEF JESUS SELBST? DIE VISIONEN EINES EINSIEDLERS

Unbestritten war der erfolgreichste Prediger Peter der Einsiedler aus dem französischen Amiens. Er neigte nicht zur Reinlichkeit, war ärmlich gekleidet, aß weder Fisch noch Fleisch, ging barfuss, wenn er nicht auf seinem Esel ritt und trank gern Wein. In den überlieferten Kreuzzugschroniken seiner Zeitgenossen wird Peters Auftreten nur beiläufig erwähnt. Wenige Jahre später stellte Albert von Aachen bekannte und unbekannte Quellen und Augenzeugenberichte zu einer eigenen Chronik zusammen. Folgt man Albert, dann hat nicht die Kirche, sondern
ein Einsiedler den Kreuzzug in die Wege geleitet.

Ein Priester und früherer Einsiedler mit dem Namen Peter... hat zuerst zu diesem Zuge aufgerufen...

Nach Albert von Aachen handelte Peter in höherem Auftrag: Bei einer Pilgerfahrt nach Jerusalem sei ihm in der Grabeskirche Christus im Schlaf erschienen und habe zu ihm gesprochen:

Eile so rasch du kannst in deine Heimat und erzähle dort, was mein Volk und die heiligen Stätten an Schmach und Elend zu erleiden haben und entflamme die Herzen der Gläubigen, Jerusalem und die heiligen Stätten zu säubern...

Nach Albert lässt sich Peter die Erscheinung vom Patriarchen von Jerusalem bestätigen und überbringt das Hilfeersuchen dem Papst, der daraufhin nach Frankreich reist und dort bei Klerus und Adel für die Kreuzfahrt wirbt. Vorher hat aber, laut Albert, der Einsiedler selbst dort dem Volk gepredigt:

Ein Priester und früherer Einsiedler, der Peter hieß und aus Amiens stammte, das drüben im Westen, in Frankreich liegt, hat zuerst mit aller Leidenschaft, die er besaß, zu diesem Zug aufgerufen und zu Berri im genannten Königreich als Prediger mit allen Redekünsten das Volk dafür gewonnen. Seinem nimmermüden Rufe folgten Bischöfe, Äbte, Kleriker und Mönche, die vornehmsten Weltleute, die Fürsten verschiedener Reiche und endlich die ganze Menge des Volkes, Keusche und Unkeusche, Ehebrecher, Mörder, Diebe, Meineidige, Räuber; die ganze Christenheit, ja selbst das weibliche Geschlecht, eilte froh, vom Geist der Buße getrieben, zur Teilnahme an diesem Zug...

Es gibt eine Reihe von Hinweisen auf eine religiöse Endzeitstimmung. Der Chronist Ekkehard von Aura schreibt:

Zur Zeit des römischen Kaisers Heinrich IV. und des Kaisers von Konstantinopel, Alexios, erhoben sich nach der Weissagung des Evangeliums überall Volk gegen Volk und Reich gegen Reich, große Erdbeben ereigneten sich an verschiedenen Orten, auch Seuchen, Hunger und Schrecken vom Himmel und große Zeichen; und da bereits bei allen Völkern die Posaunen aus dem Evangelium die Ankunft des gerechten Richters verkündeten, da warf auch die allgemeine Kirche einen Blick auf die gesamte Welt im Umkreis, die die prophezeiten Zeichen aufwies.

Demnach herrschte also eine Art religiöser Erregung, welche die Kirche erst aufmerksam werden ließ. Hat Urban II. also eine schon vorhandene Bereitschaft zur Wallfahrt nach Jerusalem in kirchliche Bahnen zu lenken versucht? Vieles spricht dafür und widerlegbar ist es nicht. Vor allem Robert der Mönch und Fulcher von Chartres haben aber nach dem Triumph der Kreuzfahrer die Urheberschaft des Papstes und die planende Rolle der Kirche betont. Obwohl ihre Zeugenschaft eine eindeutige Parteinahme für die Kirche und die Kreuzfahrt darstellt, ist die Geschichtsschreibung den beiden Chronisten weitgehend gefolgt.

PREDIGER WERDEN ANFÜHRER

Wenn Peter erst nach dem Konzil mit der Predigt begonnen haben sollte, war er in den vier Wintermonaten jedenfalls sehr erfolgreich. Jedenfalls berichten die Chronisten, Peter der Einsiedler habe schon im März 1096 zwischen fünfzehn- und zwanzigtausend Pilger um sich versammelt. Weitere zwölftausend folgten einem Priester namens Folkmar. Sie waren aufgebracht durch die Predigt von den Gräueltaten der Muslims, erfüllt von den Versprechungen himmlischer Freuden und irdischer Beute, mittellos, schlecht oder gar nicht bewaffnet und für Kämpfe gegen reguläre Truppen nicht ausgebildet.Das Konzil von Clermont hatte erneut den Gottesfrieden geboten, der die kriegerischen Aktivitäten der Feudalherren und Kirchenfürsten einschränkte. Der Papst hoffte offensichtlich, mit der Kreuzfahrt inneren Frieden zu stiften. Fulcher lässt Urban sagen:

Gegen die Ungläubigen, sagt er (der Herr), sollen jetzt diejenigen in den Kampf ziehen..., die gewöhnlich ihre Privatfehden verbrecherisch gegen Christen ausdehnten.

Der Friede wurde alsbald gebrochen: Kreuzfahrer bedrohen die jüdischen Gemeinden.

ERPRESSUNG DER JUDEN

Der Pilgerzug des Einsiedlers erreicht Anfang April 1096 die Stadt Trier. Peter der Einsiedler garantiert den Schutz der jüdischen Gemeinde, verlangt dafür aber die Versorgung der Kreuzfahrer. Der jüdische Chronist Solomon bar Simson kommentiert die Erpressung:

Als er hierher kam, verloschen unsere Seelen, brachen unsere Herzen, wir begannen zu zittern und unser Fest verwandelte sich in Trauer...wir versorgten den Priester Peter und er zog weiter.

Die jüdischen Gemeinden in Frankreich waren durch die aufkommende Kreuzzugsstimmung beunruhigt und hatten den Juden in Deutschland nahegelegt, die Kreuzfahrer zu versorgen. Kaiser Heinrich IV. hatte seine kirchlichen und weltlichen Gefolgsleute beauftragt, die Juden zu schützen. Herzog Gottfried von Bouillon, selbst mit den Vorbereitungen zum Kreuzzug beschäftigt, sichert den Gemeinden von Köln und Mainz gegen Zahlung von tausend Silbermark zu, Verfolgungen zu verhindern. Die Juden von Trier können sich loskaufen. Aber ihre düsteren Ahnungen sollten sich kurz darauf bestätigen. Peter der Einsiedler zieht mit seinen Anhängern weiter nach Köln, wahrscheinlich wegen der reichen Märkte.

ERSTE ZWISCHENFÄLLE IN UNGARN

Als Reiseweg kam nur die Landroute über Ungarn, durch den Balkan und durch Kleinasien in Frage. Von Belgrad bis Konstantinopel hofften die Pilger auf die Unterstützung der byzantinischen Behörden. Der König von Ungarn stand dem Unternehmen wohlwollend gegenüber. Ein Vortrupp unter einem Ritter namens

Walter Sans-Avoir (Habenichts) durchquert Ungarn ohne Schwierigkeiten und erreicht Ende Mai 1096 die Grenze zum byzantinischen Reichsgebiet bei Belgrad. In der ungarischen Grenzstadt Semlin kommt es zu Händeln mit den Einheimischen auf dem Markt. Sechzehn Kreuzfahrer der Nachhut werden dabei vollständig ausgeraubt. Splitternackt kommen sie im Lager der Kreuzfahrer vor der byzantinischen Stadt Belgrad an. Der Statthalter weiß nichts von einem Kreuzzug. Wenn Kaiser Alexios in Konstantinopel überhaupt mit einem Kreuzheer rechnete, dann erst Monate später. Der byzantinische Beamte ist also ohne Anweisungen und weigert sich, den unbekannten Trupp mit Lebensmitteln zu beliefern. Darauf beginnen die Kreuzfahrer mit der Selbstversorgung. Albert von Aachen beschreibt den Vorfall:

Walter und seine Begleiter wurden zornig und raubten mit Gewalt das Vieh, das vor der Stadt weidete. Es kam zu Feindseligkeiten zwischen den Griechen, die ihre Herden zurückgewinnen wollten und den Pilgern, und man hob an, die Klingen zu kreuzen.

Die lateinischen Chronisten bezichtigen in der Regel die Byzantiner des Verrats, der Heimtücke und der Feigheit. So auch Albert von Aachen, der
berichtet, einhundertvierzig Pilger seien in einer Kirche verbrannt worden. Tatsächlich haben die Kreuzfahrer Verluste, die meisten kommen aber davon und werden in der nächsten byzantinischen Stadt freundlich empfangen und versorgt.

ERSTE SCHWIERIGKEITEN

Peter der Einsiedler erreicht mit dem Hauptzug die Donau Anfang Mai. Nach Albert von Aachen bestand er aus vierzigtausend Kreuzfahrern. Bei solchen Angaben pflegten die Chronisten zu übertreiben. Selbst wenn es nur zwanzigtausend gewesen sind, war der Heerzug für die damaligen Verhältnisse ungewöhnlich groß und warf erhebliche Versorgungsprobleme auf. Ein Teil der Kreuzfahrer setzt die Reise zu Schiff auf der Donau fort. Diese angenehmste Art der Fortbewegung konnten sich allerdings nur Bessergestellte leisten. Die wenigen Ritter im Zug gehörten dem niederen Adel an und führten neben dem Schlachtross je nach Kassenlage mehrere Reit- und Saumpferde mit, die allerdings in der Not oft am Bratspieß endeten. Die Rüstung eines Ritters war ein Vermögen wert. Die Bewaffnung der Unbemittelten bestand wahrscheinlich aus hölzernen Keulen und Stangen. Das Hauptheer zog entlang der Donau. Wo die alten römischen Straßen noch erhalten waren, konnten auch größere Haufen an die dreißig Kilometer am Tag bewältigen. Guibert von Nogent:

Die Armen beschlugen ihre Ochsen mit Eisen, spannten sie vor zweirädrige Karren, luden darauf ihre winzigen Vorräte und kleinen Kinder und zogen sie so hinter sich her. Sobald die Kleinen eine Burg oder eine Stadt sahen, fragten sie, ob das Jerusalem sei...

Reittiere waren für die einfachen Pilger unerschwinglich. Die Mehrzahl hatte sich vorgenommen, den Weg nach Jerusalem zu Fuß zurückzulegen. Kaum jemand konnte sich vorstellen, wie weit das war. Daher war die Stimmung am Anfang noch gehoben. Albert von Aachen notiert:

Und als all diese Gruppen aus den verschiedenen Reichen und Städten sich zusammengefunden hatten, begannen sie ein ganz maßloses Schmausen, denn sie hatten sich nicht von Unberufenen freigehalten, von Sündern und Unzüchtigen. Und mit den Weibern und Mädchen, die zu gleichem leichtfertigen Tun ausgezogen waren, war ein beständiges Ergötzen. Und im höchsten Übermut war überall ein Rühmen und Prahlen über die Aussichten dieses Zuges.

Die Hochstimmung hielt nicht lange an. Die Pilger mußten ihre Lebensmittel auf den Märkten kaufen. Die Preise zogen wegen der plötzlichen Nachfrage an und kleine Barschaften waren schnell verbraucht. Bei einigen wich die fromme Sehnsucht wohl der Ernüchterung, als sie gewahr wurden, dass Jerusalem nicht gleich hinter Regensburg lag. Sie ziehen die sichere Armut in der Heimat den Unwägbarkeiten der Reise vor und kehren um

ERSTE MASSAKER

Ende Mai überqueren die Kreuzfahrer unter Peter die ungarische Grenze bei Ödenburg. Der ungarische König gewährt freien Durchzug, verbietet aber ausdrücklich das Beutemachen. Nach Albert von Aachen verläuft der Marsch friedlich, nach Guibert von Nogent kommt es zu Morden, Plünderungen und Vergewaltigungen:

Während die Ungarn als Christen ihren Brüdern alles anboten, was sie zu verkaufen hatten, konnten die Fremden ihre Leidenschaften nicht zügeln, dachten nicht an die wohltätige Gastfreundschaft der Ungarn und führten ohne Grund Krieg gegen sie... Angetrieben von abscheulicher Wut setzten sie die öffentlichen Getreidespeicher in Brand, entführten junge Mädchen und vergewaltigten sie, schändeten die Ehen, indem sie den Männern die Frauen raubten und rissen ihren Wirten den Bart aus oder versengten ihn. Jeder lebte nach Möglichkeit von Mord und Plünderung und alle brüsteten sich mit unvorstellbarer Frechheit, sie würden mit den Türken ebenso verfahren.

In der zweiten Junihälfte kommt das Pilgerheer in Semlin an. Hier sieht Peter der Einsiedler die Kleider und Waffen der sechzehn beraubten Kreuzfahrer an den Mauern hängen. Albert von Aachen:

Jetzt, da er selbst die Waffen und Beutestücke sah, erfuhr Peter von dem Unrecht, das seinen Brüdern angetan wurde und rief zur Rache auf. Sofort erschallen laut und kräftig die Signale der Bläser, mit flatternden Fahnen stürmt das Heer gegen die Stadt... Das ganze Heer, Fußvolk wie Reiter, erzwang den Eingang in die Stadt.. Die meisten Bewohner konnten nicht fliehen und mussten noch vor der Pforte den Pilgern über die Klinge springen...doch gelang es mehreren, zu Schiff zu entkommen. Es fielen dort von den Ungarn ungefähr viertausend Mann, von den Pilgern waren... nur hundert erschlagen worden.

Nach diesem Sieg über ihre lateinischen Brüder plündern die Pilger die Stadt vollständig aus. Als die Leichen der erschlagenen Ungarn die Donau hinab an der Stadt Belgrad vorbeitreiben, entschließt sich der byzantinische Statthalter zum Rückzug. Die Bewohner beordert er mit allem, was sie forttragen können, in die umliegenden Wälder. Die Kreuzfahrer plündern nun auch Belgrad und zünden die Stadt an. Als Peter von Amiens erfährt, dass sich ein ungarisches Heer nähert, um die Toten von Semlin zu rächen, zieht er weiter und erreicht Anfang Juli die Stadt Nisch Der byzantinische Statthalter verhandelt mit Peter der Einsiedler. Um die Bürger zu schützen, verlangt der Beamte Sicherheiten. Die Kreuzfahrer stellen daraufhin zwei Unterführer als Geiseln. Die Atmosphäre ist freundlich. Albert von Aachen:

Nun wurde den Pilgern erlaubt, alles was sie brauchten zu kaufen, soviel und wo sie wollten. Ja, die Bürger schenkten jenen, die kein Geld hatten, eine Menge von Almosen.

Nach dem friedlichen Abzug der Kreuzfahrer kehren allerdings hundert Schwaben zur Stadt zurück. Albert von Aachen:

Wegen eines erbärmlichen Streites mit einem Händler warfen sie Feuer in sieben Mühlen, die an der Brücke am Fluss standen und äscherten sie völlig ein.

Die Zerstörung von Mühlen stellte eine schwere Rechtsverletzung dar. Als lebensnotwendige Einrichtungen standen sie unter besonderem Rechtsschutz, auch in Kriegszeiten. Albert von Aachen drückt seine Empörung aus, indem er die Bürger von Nisch sagen lässt:

Peter und seine Gefährten sind falsche Christen, es sind Räuber und keine friedlichen Menschen... Sie haben jetzt diesen Brand gelegt und danken so für die genossene Wohltat.

Die Bauern in den unbefestigten Dörfern hatten am meisten unter durchziehenden Kriegshaufen zu leiden. Lagen eine Stadt oder eine Fluchtburg in der Nähe, zogen sie sich dorthin zurück. Sonst blieben ihnen nur die Wälder. Die Bauern zahlten an ihren Lehnsherrn oder den Staat hohe Abgaben. Dafür versprachen die Oberen, die Bauern zu schützen. Das war beim Durchzug größerer Heere aber selten möglich. Nach der Plünderung besaßen die Bauern nur das, was sie versteckt hatten. Bei der Befragung nach verborgenen Nahrungsmitteln wurde die Folter angewandt. Wenn die Bauern in ihrer Not das Saatgetreide verzehrten, brach im Jahr darauf eine schwere Hungersnot aus.

PILGER IN NOT

Peter der Einsiedler besänftigt die Stadtoberen und sichert die Vermeidung weiterer Gewaltakte zu. Aber die Pilger folgen den Anweisungen nicht. So kommt es zu weiteren Gefechten, und schließlich versucht ein größerer Trupp, die Stadt Nisch zu stürmen. Die byzantinische Garnison und die Bewohner reagieren mit einem Ausfall. Albert von Aachen:

Zwei Meilen weiter wurde das Heer überfallen und viele wurden erschlagen oder gefangen genommen. Und auch der Wagen Peters, mit unermesslichen Mengen von Gold und Silber, wurde erbeutet und sogleich mit den Gefangenen nach Nisch zurückgeschickt. Viele Männer waren getötet worden. Kinder wurden ihren Müttern entrissen und dazu unzählige Frauen und unverheiratete Mädchen weggeschleppt.

Nach Albert wurde ein Viertel der Kreuzfahrer niedergehauen. Die Überlebenden konnten sich wieder sammeln und lebten von unreifem Korn, das sie von den Feldern stahlen. Hier war nicht das Land, wo Milch und Honig flossen. Ab Sofia verhinderten Polizeitruppen aus Konstantinopel weitere Zwischenfälle und stellten die Versorgung der Kreuzfahrer sicher. Mitte Juli erreichten sie Philippopel (Plovdiv, Bulgarien). Gesandte aus Konstantinopel hatten ausgerichtet, der Kaiser habe Peter verziehen. Die Bevölkerung von Philippopel schenkte den Kreuzfahrern Geld, Pferde und Maultiere. Peter soll vor Freude geweint haben. Im August 1096 hatten die Kreuzfahrer mehr als zweitausend Kilometer hinter sich. Sie erblickten Konstantinopel.

DU REICHE STADT, SO SCHÖN UND EDEL

Byzanz, von Kaiser Konstantin zur Hauptstadt Ostroms erhoben, und nach ihm Konstantinopel genannt, war unter seinen Nachfolgern mit mächtigen Mauern umgeben worden. Germanen, Slawen und Araber waren an ihnen gescheitert. So überlebte hier die hellenistisch-römische Zivilisation. Konstantinopel war die größte und reichste Stadt der Welt. Das byzantinische Reich wurde zwar ständig von inneren Krisen geschüttelt und hatte Kleinasien an die Türken verloren. Es war aber militärisch und ökonomisch noch immer eine Weltmacht. Peter der Einsiedler wurde von Kaiser Alexios empfangen und erhielt ein Vermögen in Goldstücken als Geschenk. Der Kaiser schlug vor, die Weiterreise durch türkisches Gebiet zu verschieben, bis weitere Truppenteile in Konstantinopel eintreffen würden. Die Tochter des Kaisers und spätere Chronistin Anna Comnena war von Peters Auftreten und der Frömmigkeit der Pilger beeindruckt:

Diese wie von einer Glut entflammten Menschen um Peter...strömten scharenweise herbei. Alle Straßen wimmelten von Menschen, deren Antlitz den Ausdruck froher Stimmung trug, und den Eifer, den Weg des Himmels einzuschlagen.

Den Kreuzfahrern dürften in Konstantinopel die Augen übergegangen sein. Es gab handwerkliche Großbetriebe, Wasserleitungen, Straßenbeleuchtung und überquellende Märkte. Der ganze Reichtum der Stadt spiegelte sich in der berühmten Hagia Sophia. Dem Himmel näher fühlten sich die Pilger, wenn sie in den Kirchen die heilspendenden Gebeine der Heiligen, die Dornenkrone oder Teile des Wahren Kreuzes besichtigten. Auch der irdische Wert der Ausstellungsstücke war beträchtlich. Eine Stadt mit einer bedeutenden Reliquie wurde zu einem Wallfahrtsort. Als Kreuzritter hundert Jahre später Konstantinopel eroberten, wanderten die meisten Reliquien in die Kirchenschätze Europas. Die Pilger des Jahres 1096 begnügten sich mit der Besichtigung der heiligen Gegenstände.

JUDENPOGROM IM RHEINLAND

Wenig heiligmäßig war die Entwicklung im Rheinland nach dem Aufbruch Peters. Die Prediger hatten dazu aufgefordert, gegen die FEINDE GOTTES vorzugehen. Nun fallen Kreuzfahrer und Einheimische über die jüdischen Gemeinden her. Sie übertreten dabei sowohl kirchliches als auch weltliches Recht. Albert
von Aachen äußert sich mit Empörung über die Angriffe auf die Juden:

Ich weiß nicht, ob es nach Gottes Ratschluss oder aus der Verirrung des Geistes geschah: Sie erhoben sich in einem Anfall von Grausamkeit gegen das jüdische Volk, das zerstreut in verschiedenen Städten wohnt und richteten ein höchst grausames Blutbad an.

In den aufblühenden rheinischen Städten hatten es viele Juden zu Wohlstand gebracht, was natürlich die Missgunst christlicher Mitbürger erregte. Die Kreuzfahrer erneuerten den Vorwurf, die Juden hätten den Heiland ans Kreuz geschlagen. Die Mischung aus Habgier und Wahn wurde für die Juden zur tödlichen Bedrohung - für Jahrhunderte. Judenverfolgungen werden eine Begleiterscheinung von Kreuzzügen. Am 3. Mai 1096 rückt Graf Emich von Leiningen mit Kreuzfahrern in Speyer ein, um die jüdische Gemeinde anzugreifen. Wie in anderen Städten stellt auch der Bischof von Speyer die Juden gegen Bezahlung unter seinen Schutz. Die Kreuzfahrer ergreifen trotzdem elf Mitglieder der Gemeinde und bringen sie um, weil sie die Taufe ablehnen. Die übrigen können sich retten, wahrscheinlich in den Palast des Bischofs. Ein paar Tage später dringt der Trupp unter Graf Emich von Leiningen in Worms ein. Auch hier versucht der Bischof die Juden in seinem Palast zu schützen. Doch weder die Autorität noch die Waffenknechte der Kirche können die fanatische Menge zurückhalten. Der jüdische Chronist Solomon bar Simson:

Der Feind behandelte sie mit der gleichen Grausamkeit wie die anderen vorher und überlieferte sie dem Schwert...andere nahmen sich selbst das Leben und erfüllten das Wort: „Die Mutter wurde in Stücke gehauen mit ihren Kindern"... Der Feind riß ihnen die Kleider vom Leibe, trieb sie zusammen und brachte sie um. Nur wenige, die sich mit profanem Wasser taufen ließen, wurden geschont... Sie nahmen die Thorarolle, traten sie in den Schmutz und verbrannten sie. Wer im Hause blieb, wurde von diesen Wölfen umgebracht, Männer, Frauen, Kinder und Alte. Sie rissen die Treppen ab, zerstörten die Häuser, raubten und plünderten. Der Feind verschlang die Kinder Israels mit offenem Maul... In zwei Tagen wurden ungefähr achthundert erschlagen und nackt verscharrt.

Der Trupp von Graf Emich steht am 25. Mai vor Mainz. Die Tore sind zunächst verschlossen. Kaiser Heinrich der IV. hatte ja angeordnet, die Juden seien zu schützen. Aber sein Vasall, Gottfried von Bouillon, greift nicht ein, obwohl er von den Juden dafür bezahlt worden war und es dem Kaiser zugesagt hatte. Mainzer Bürger öffnen schließlich die Tore und lassen die Kreuzfahrer in die Stadt. Der Bischof nimmt die Juden gegen Bezahlung in seinem Palast auf. Graf Emich erhält sieben Goldpfund mit der Bitte um Schonung. Vergeblich. Der Bischofspalast wird angegriffen, nach heftiger Gegenwehr müssen die Juden der Übermacht weichen. Bischof Ruthard fühlt sich nun selbst bedroht und flieht mit seinem Gefolge. Albert von Aachen berichtet, was dann geschah:

Die Juden aber, als sie sahen, wie die Christen sich gegen ihre Kinder erhoben, und kein Alter verschonten, ergriffen nun gegen sich selbst und die eigenen Glaubensbrüder die Waffen, gegen die eigenen Kinder und Frauen, Mütter und Schwestern, und töteten sich gegenseitig. Es ist schon Sünde, es zu erzählen, wie Mütter mit dem Messer ihren Säuglingen die Kehle durchschnitten oder sie durchbohrten...so grausam wurden die Juden hingemordet.

In Mainz starben über tausend Juden, aber dabei blieb es nicht. Einzelne Haufen griffen die jüdischen Gemeinden in fast allen rheinischen Städten an. Mehr als zehntausend Juden wurden beraubt und umgebracht. Einige lateinische Chronisten sind menschlich berührt und bedauern, dass die Kreuzzugsidee auf diese Weise beschädigt wurde. Aber es gibt auch andere Stimmen. Der zeitgenössische Chronist Frutolf:

In den Städten, die sie durchzogen, vernichteten sie die verruchten Überreste der Juden als die eigentlichen Feinde der Kirche oder zwangen sie zur Taufe. Die meisten kehrten jedoch später zu ihrem Glauben zurück, wie die Hunde zum Erbrochenen.

Albert von Aachen bedauert die Pogrome:

So grausam also wurden die Juden hingemordet.. und nun setzten, beladen mit der jüdischen Beute, Emich...und diese ganze unerträgliche Gesellschaft von Männern und Weibern ihre Fahrt nach Jerusalem fort...
Andere verschieben ihre Abreise. Ein Trupp macht noch einen Abstecher nach Trier. Der Bischof predigt in St. Simeon, die Juden sollten geschont werden und versucht, sie in seinem Palast zu schützen. Als die Kreuzfahrer dem Bischof mit dem Tode drohen, gibt er nach und fordert die Juden auf, sich taufen zu lassen. Wer sich weigert, wird von den Kreuzfahrern umgebracht. Bedienstete des Bischofs schleppen jüdische Frauen und Kinder gewaltsam zur Taufe. Wieder kommt es zu Selbstmorden, viele stürzen sich in die Mosel. Der Trupp zieht mordend und plündernd rheinabwärts bis Xanten. Ein Teil der Kreuzfahrer verzichtet auf die Weiterreise, nachdem in den rheinischen Städten nichts mehr zu holen ist. Die anderen zogen nach Osten weiter. Als sich die Trupps Regensburg nähern, werden auch hier die Juden zwangsgetauft, um sie vor den Kreuzfahrern zu schützen. Solomon bar Simson:

Die Bürger der Stadt trieben sie zum Fluss. Dann machten die Feinde ein schlimmes Zeichen über dem Wasser, waagrecht und senkrecht und befleckten sie alle gleichzeitig im Fluß, denn es waren sehr viele. Sie kehrten zum Herrn zurück, sobald der Feind weitergezogen war.

Nach seiner Rückkunft aus Italien erlaubt Heinrich IV., den unter Zwang getauften Juden zu ihrem Glauben zurückzukehren und bestraft einige Schuldige.

DIE UNGARN SCHLAGEN ZURÜCK

Vor Emich bricht ein weiterer Kreuzfahrertrupp auf. Albert von Aachen:

Nicht lange, nachdem Peter ausgezogen war, begeisterte ein gewisser Priester namens Gottschalk, ein Deutscher aus der Rheingegend, der sich durch Peter zu diesem selben Zug nach Jerusalem hatte hinreißen lassen, durch seine Predigt eine große Anzahl von Leuten aus aller Herren Länder zu einem gleichen Pilgerzuge. Aus verschiedenen Gegenden Lothringens, des östlichen Frankreich, Bayerns und Schwabens brachte er mehr als fünfzehntausend Pilger zusammen, Ritter und gewöhnliches Fußvolk.

In Ungarn wurden die Kreuzfahrer freundlich empfangen und erhielten Zugang zu den Märkten. Albert von Aachen schreibt:

Und auf Befehl des Königs Kolman wurde überall Friede angesagt, damit nicht, bei einem so großen Heer, Zwistigkeiten irgendwelcher Art entstehen könnten. Aber während sie nun dort einige Tage blieben und anfingen, sich in der Gegend umherzutreiben, da ließen sich Bayern und Schwaben, lauter hitzige Leute, und andere nicht minder törichte Pilger, zu großer Trunkenheit hinreißen, verletzten den angesagten Frieden und raubten den Ungarn Wein, Gerste und andere Lebensmittel. Und schließlich raubten und erschlugen sie auf den Feldern Rinder und Schafe, töteten die Ungarn, die Widerstand leisten und das Vieh retten wollten und begingen noch eine Menge anderer Frevel, die wir nicht alle wiedergeben können, und benahmen sich eben ganz wie ungehobeltes und ungebildetes Landvolk, frech und schamlos. So stießen sie, wie von Augenzeugen berichtet wird, einer ganz geringfügigen Streitsache wegen auf offenem Marktplatze einem jungen Ungarn mit einem Pfahl durch gewisse geheime Körperteile.

Der ungarische König lässt die Kreuzfahrer daraufhin bei Stuhlweißenburg entwaffnen und und sichert ihnen freien Abzug zu. Er bricht sein Wort und lässt die wehrlosen Deutschen niedermetzeln. Ähnlich ergeht es einem Trupp, der vorher die jüdische Gemeinde in Prag überfallen hatte. Die Geduld der Ungarn ist offenbar zu Ende. Als Graf Emich mit seiner Gefolgschaft kurz darauf im ungarischen Wieselburg ankommt, lässt der König die Brücke über den Donauarm sperren. Wochenlang versuchen die Kreuzfahrer die Brücke zu stürmen. Schließlich überwinden sie die ersten Mauern, der Sieg scheint ihnen sicher. Albert von Aachen:

Da überfiel das ganze Pilgerheer plötzlich... eine so große Furcht, dass sie sich alle zur Flucht wandten...die Ungarn sahen, dass diese tapferen Helden plötzlich den Mut verloren. Sie brachen aus den Toren heraus, folgten den Fliehenden, machten die meisten von ihnen nieder und nahmen viele gefangen. Unter dem Fußvolk der Pilger, unter Männern wie Frauen, wurde ein fürchterliches Morden angerichtet.

Nur einige Berittene können entweichen. Graf Emich von Leiningen reitet nach Hause. Über das Ableben des verhinderten Kreuzritters liegt eine Nachricht vor. Die Kölner Königschronik vermerkt:

1117. Friedrich, Herzog von Schwaben, hat einen schweren Kampf mit den Mainzern zu bestehen. Dabei wird Graf Emich erschlagen.

Frieden war also in Europa nicht ausgebrochen, nachdem so viele Kriegswillige nach Osten aufgebrochen waren. Das listige Vorhaben des Papstes, das Gewaltpotential ins Ausland zu exportieren, scheiterte an dessen Umfang.

AUCH KAISER ALEXIOS WIRD UNWILLIG

Der byzantinische Kaiser hatte den Kreuzfahrern mit einiger Sorge entgegengesehen. Seine Tochter Anna Comnena nennt die Kreuzfahrer KELTEN. Sie berichtet:

Er fürchtete ihre Ankunft, weil er ihre unkontrollierten Leidenschaften kannte, ihren unsteten Charakter, ihren Wankelmut. Zu erwähnen sind auch die anderen Eigenschaften der Kelten und ihre unvermeidlichen Folgen: Ihre Geldgier zum Beispiel, die sie dazu brachte, die von ihnen getroffenen Vereinbarungen bei jeder Gelegenheit bedenkenlos zu brechen.

Anfang August 1096 haben sich die Kreuzfahrertrupps vor Konstantinopel vereinigt. Kaiser Alexios übernimmt ihre Versorgung und rät ihnen ab, sich vor dem Eintreffen weiterer Verstärkungen nach Kleinasien zu begeben. Ein Teil der Kreuzfahrer begann nun auch hier, den Kriegszustand herzustellen. Der Autor der Gesta Francorum:

Diese Christen benahmen sich niederträchtig, plünderten die Stadtpaläste und zündeten sie an, stahlen das Blei von den Kirchendächern und verkauften es...

Schließlich wurde es dem Kaiser zuviel und er befahl die Überquerung des Bosporus. Am 6. August 1096 befördert die byzantinische Flotte die Kreuzfahrer nach Kleinasien. Der Küstenstreifen gegenüber von Konstantinopel war in byzantinischer Hand. Der Autor der Gesta:

Nachdem sie übergesetzt hatten, ließen sie von ihren Missetaten nicht ab. Sie brandschatzten Häuser und sogar Kirchen.

Kleinasien wurde hauptsächlich von griechisch orthodoxen Christen bewohnt, auch in den von den Türken besetzten Gebieten. Der Ritus der Ostchristen war anders, ihre Kirchen sahen anders aus, sie trugen andere Kleider, und sie sprachen anders. Der Papst hatte die Türken zu Todfeinden der Christenheit erklärt. Muslims waren zu barbarischen Heiden abgestempelt worden, für die christliche Rechtsnormen nicht mehr galten. Damit waren alle gefährdet, die anders waren, als die Kreuzfahrer selbst. Die ersten Opfer waren die Juden. Jetzt beraubten Kreuzfahrer fremdartige Kirchen und töteten fremdartige Christen. Und zwar jene, zu deren Beistand sie der Papst entsandt hatte. Alexios weist den Kreuzfahrern ein befestigtes Feldlager zu und lässt sie mit Nahrungsmitteln versorgen. Entgegen der kaiserlichen Anweisung im Lager zu bleiben, unternehmen einzelne Trupps Beutezüge in Richtung der türkisch beherrschten Stadt Nikaia. Die Opfer sind christliche Bauern, sowohl auf byzantinischem Gebiet als auch auf türkischem. Franzosen, Deutsche und Italiener operieren eifersüchtig auf eigene Faust. Bei den Vorstößen nähern sich die Trupps immer mehr der Stadt Nikaia. Die byzantinische Chronistin:

Sie begannen in der Umgebung von Nikaia zu plündern und gingen mit äußerster Grausamkeit vor. Sie pfählten Kinder und rösteten sie auf dem Feuer. Erwachsene wurden auf alle mögliche Weisen gefoltert.

Anna Comnena wird im Detail übertrieben haben: Schließlich waren die Opfer ihre Landsleute. Den Beutezug selbst bestätigt auch Albert von Aachen:

Sie raubten dort Vieh, Schafe und Ziegen, die den Griechen gehörten, die türkische Untertanen waren und schleppten sie zu ihren Gefährten zurück. Als Peter dies sah und hörte, wurde es ihm traurig ums Herz, denn er wußte, dass die Strafe folgen würde.

DIE TÜRKEN SCHLAGEN ZURÜCK

Offensichtlich war Peter nicht in der Lage, die Angriffe auf die Griechen zu unterbinden. Den meisten Kreuzfahrern war offenbar nicht bewusst, dass sie offiziell hier waren, um ihren christlichen Brüdern zu helfen. Vor Nikaia waren die Türken
die einzigen, die den Christen noch gegen plündernde Kreuzfahrer beistehen konnten. Nikaia war die Hauptstadt des jungen Seldschukenfürsten Kilidsch Arslan ibn Suleiman, der weite Gebiete Kleinasiens beherrschte. Die türkische Garnison und die Griechen in Nikaia konnten das Gemetzel vor den Toren beobachten. Anna Comnena:

Als die Bewohner der Stadt die Vorgänge bemerkten, öffneten sie die Tore und machten einen heftigen Ausfall.

Die Kreuzfahrer behalten die Oberhand und können in ihr Lager abziehen. Die erbeuteten Wertsachen machen dort Eindruck. Ein deutsches Kontingent bricht auf und besetzt eine Burg an der Straße nach Nikaia. Dort werden sie von einem türkischen Aufgebot eingeschlossen. Der Autor der Gesta berichtet, die Belagerten hätten vor Durst ihren Urin getrunken, weil die Quelle außerhalb der Burg lag. Er fährt fort:

Der deutsche Anführer einigte sich mit den Türken und ... floh mit vielen Männern. Wer blieb, und Christus nicht abschwören wollte, wurde getötet. Die Gefangenen wurden wie Schafe unter den Türken aufgeteilt. Einige wurden als Zielscheibe aufgestellt und mit Pfeilen erschossen, andere wurden verkauft wie wilde Tiere...

DAS ENDE

Daraufhin fällt im Lager der Kreuzfahrer trotz des Widerstands einiger Besonnener die Entscheidung, die Türken anzugreifen. Ein türkisches Heer kommt entgegen, schlägt die bewaffneten Kreuzfahrer und greift das Lager an. Übereinstimmend berichten die Chronisten, dass im Lager der Christen alle getötet wurden, die als Sklaven nicht in Betracht kamen. Albert von Aachen:

Sie töteten mit dem Schwert, was sie an Mühseligen und Schwachen jeden Alters fanden, Priester und schwangere Frauen, Mönche und Säuglinge. Nur zarte Mädchen und Nonnen ... und bartlose junge Männer, schön und anmutig von Gesicht, verschonten sie und führten sie weg in Gefangenschaft.

Über dieses Massaker berichten ausführlich Anna Comnena, der Autor der Gesta und Albert von Aachen. Sie waren keine Augenzeugen und ihre Berichte mögen übertrieben sein. Dass ein Massaker stattgefunden hat, kann als sicher gelten. Die Niedermetzelung wehrloser Christen widerspricht islamischen Geboten - auch wenn manche der Opfer vorher nicht gerade in der Nachfolge Christi gehandelt hatten. Zumindest die Breitschaft, zum Islam überzutreten, hätte zur Schonung der Gefangenen führen müssen. Der Autor der Gesta macht eine entsprechende Mitteilung über die Behandlung von Kreuzfahrern, die in der Burg in Gefangenschaft gerieten. (...und wer Christus nicht abschwören wollte...) Beim Angriff auf das Pilgerlager wurden nach den Angaben der christlichen Chronisten nur junge Frauen und Männer verschont. Von muslimischer Seite liegt kein Augenzeugenbericht vor.
Kaiser Alexios hatte den Kreuzfahrern geraten, im Lager die Ankunft des Hauptheeres abzuwarten. Wären sie dieser rationalen Erwägung zugänglich gewesen, hätten sie die Niederlage vermeiden können. Nach den Vorstößen auf türkisches Gebiet war der Gegenangriff unvermeidlich. Sie waren schlecht bewaffnet, schlecht geführt und von ihrer Habgier schlecht beraten. Gegen das disziplinierte Aufgebot der Türken hatten sie keine Chance. Der Kaiser gibt der Flotte die Anweisung, die wenigen Überlebenden abzuholen, dreitausend von vielleicht dreißigtausend Kreuzfahrern. Die Geretteten werden vorsichtshalber entwaffnet. Nach den lateinischen Chronisten war Peter von Amiens in Konstantinopel, als die von ihm Geführten abgeschlachtet wurden. Anna Comnena gibt an, er sei dabei gewesen. Jedenfalls überlebt der Einsiedler und erwartet die nachrückenden Ritterarmeen in Konstantinopel. Die Chronisten sind in der Regel Kleriker und nutzen häufig den schlechten Ausgang einer christlichen Unternehmung zu ermahnenden Analysen. Nach der Vernichtung der Kreuzzugshaufen in Ungarn sieht Albert von Aachen hinter dem Debakel göttliches Walten:

Dies alles war wohl Gottes Hand gegen die Pilger, die vor seinem Angesicht durch Unkeuschheit und allzu große Schändlichkeit gesündigt und die heimatlosen Juden, wenn schon sie Feinde Christi sind, mehr aus Habsucht als aus Gottesfurcht in blutigem Morden hingeschlachtet hatten.

DIE PRÄLATEN DER KIRCHE UND DAS BLÖDE VIEH

Die Pilgerscharen hatten sich unterwegs nach Jerusalem von den Ordnungsvorstellungen der Kirche entfernt. Albert von Aachen ist über das Abweichen mancher Pilger vom rechten Weg entsetzt:

Auch ein anderes abscheuliches Verbrechen beging das törichte, leichtsinnige und verblendete Fußvolk... Von einer Gans behaupteten sie, sie sei vom göttlichen Geiste durchdrungen, und ebenso sollte auch eine Ziege davon erfüllt sein. Diese beiden Tiere machten sie zu ihren Führern auf dieser heiligen Fahrt nach Jerusalem, und sie erwiesen ihnen über die Maßen fromme Verehrung. Ein sehr großer Teil der Pilger richtete sich in tierischer Weise ganz nach ihnen und glaubte aus vollem Herzen an ihre göttliche Sendung. Das aber sei fern vom Herzen der Christen, zu glauben, dass es der Wille des Herrn Jesus sei, dass das Grab des allerheiligsten Leibes von blödem oder vernunftlosem Vieh besucht werde und dass dies Vieh der Führer jener christlichen Seelen sei, die er selbst mit seinem wertvollen Blut vom Unflat der Abgötterei gnädig erlöst hat... Jesus bestimmte den Christen... als Lenker, Führer und Lehrer höchst heiligmäßige, ehrwürdige Prälaten und Äbte und nicht blödes, unvernünftiges Vieh.
Die Kirche war schon öfter in Bedrängnis geraten, weil sich religiöse Bewegungen verselbständigt hatten, und sie wird in den nächsten Jahrhunderten die Urheber schwärmerischer Strömungen als Ketzer unerbittlich verfolgen. Wer aber hatte die Leute 1095 in diesen Zustand versetzt, in dem sie der Kirche abtrünnig wurden, Heim und Familie verließen, Juden niedermetzelten, Bauern bestahlen, Kirchen ausraubten und gegen reguläre Truppen anrannten? Etwa Papst Urban, der zur Kreuzfahrt aufgerufen hatte? Scharfsinnig erkennt Albert von Aachen das Problem und macht allein die Wanderprediger für die Pilgerzüge der Armen verantwortlich. Die spätere Eroberung Jerusalems aber kann nur von der Kirche veranlasst worden sein. Daher fordert bei Albert der Papst nur Bischöfe und große Herren jeden Standes und Ranges zur Fahrt nach Jerusalem auf, also jene, die das Werk dann vollbrachten.
Nach Fulcher von Chartres ist der Papst der Urheber der Pilgerzüge. Der Chronist betont, dass auch den Armen das Kreuz gepredigt wurde. Aber er bewahrt das Ansehen der Kirche, indem er die Verirrungen und Gräueltaten der Pilger auf dem Weg nach Konstantinopel nicht mitteilt. Wer auch verantwortlich war: Die Werbung für die Kreuzfahrt enthielt besondere Angebote für jene, die sich mit Schuld beladen fühlten, sonst aber Mangel litten und für einen Kriegszug nicht ausgebildet waren. Die vom himmlischen und irdischen Lohnversprechen Verführten lagen noch immer auf dem Schlachtfeld, als einige Monate später französische Kreuzfahrer vorbeikamen. Der Augenzeuge Fulcher von Chartres, der es unterlässt, ihre Taten zu schildern, gedenkt ihrer nur als Opfer der Türken.

Wie viele gespaltene Schädel und wie viele Knochen der Abgeschlachteten sahen wir auf den Feldern in der Nähe des Sees bei Nicomedia. In diesem Jahr (1096) hatten die Türken unsere Leute vernichtet, welche Pfeil und Bogen nicht kannten und ihren Gebrauch. Bei diesem Anblick befiel uns Mitleid, und wir vergossen viele Tränen.


aus DIE KREUZZÜGE - Krieg im Namen Gottes, C..Bertelsmann 1989, 7 Auflagen. von Peter Milger
Vortsetzung - der Kreuzzug der Feudalherren - HIER
HAUPTSEITE Siehe auch www.milger.de